Forstleute warnen vor Schädlingen in heimischen Wäldern

(C) Manfred Eigner

Brilon. Dass die Motorsägen aufgrund der Sturm- und Käferprobleme Tag für Tag in Brilons Wälder zu hören sind, zeigt, was derzeit zu einer Mammutaufgabe für die Forstleute geworden ist. Um die Politik noch eindringlicher auf die Katastrophe, die dem Wald droht, aufmerksam zu machen, hat der PEFC-Vorstand heimische Politiker zu einem Praxistag in den Briloner Stadtforst eingeladen.

PEFC ist die Abkürzung für „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“, ein internationales Waldzertifizierungssystem, dessen Zertifikat Brilon als Stadt des Waldes mit Bestehen der regelmäßigen Überprüfungen seit Jahren innehat. PEFC-Vorsitzender Prof. Dr. Andreas W. Bitter waren die Sorgen deutlich anzusehen. „Erst kam der Sturm, dann die Dürre und jetzt der Käfer“, so der Forstexperte und warnte eindringlich: „Das, was wir jetzt gerade an Problemen erleben, ist einmalig in der jüngeren Forstgeschichte.“

Um es den Entscheidern in der Politik deutlich vor Augen zu führen, sollten diese nicht nur eine Exkursion durch die geschädigten Wälder unternehmen, sondern wurden mit kompletter Schnittschutzausrüstung im Gemeinschaftshaus „Grün-Weiß“ in Petersborn ausgestattet, ehe es auf den Poppenberg ging, um in einer Kurzausbildung den Umgang mit einer Motorsäge zu lernen und selbst einmal Hand bei der Aufarbeitung der befallenen Beständen anzulegen.

Durch Revierleiter Sebastian Schönnenberg und dem erfahrenen Forstwirt Markus Decker erfolgte im Wald für MDB Dirk Wiese, forstpolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, seinem Mitarbeiter Max Bunse, Sabine Haake aus Sundern, Vorstandsmitglied bei SPD im Sauerland, sowie Kreistagsmitglied Jörg Burmann die Unterweisung im nicht ungefährlichen Umgang mit einer Kettensäge. Dabei ging es von praktischen Übungsschnitten, bis zur Krönung, dem jeweils eigenhändigen Fällen einer vom Käfer befallenen Fichte.

„Wir brauchen einen ,Schlackerwinter’“

Allen vier zeigten Revierleiter Schönnenberg und Prof. Bitter die exorbitante Problematik: Obwohl es in der Nacht zuvor Frost auf dem Poppenberg gab, tummelten sich unter dem abgeschälten Rindenstück eine Vielzahl von Schädlingen. Was durch die beiden Forstexperten aufgeführt wurde, ist etwas, was sich eigentlich niemand vorstellen kann. „Bei der am 23. August 2018 durchgeführten Momentaufnahme der Käferdichte zur Überprüfung unterschiedlicher Entwicklungsstadien von Buchdrucker und Kupferstecher in fünf Regionalforstämtern waren pro Stamm für Buchdrucker durchschnittlich circa 1.600 Altkäfer, 29.000 Larven, 4.000 Puppen und in einem Fall sogar zusätzlich 471 frisch angelegte Muttergänge zu finden“, stellte Sebastian Schönnenberg die Ergebnisse aus einer Untersuchung des Landesbetriebes Wald und Holz NRW vor. „Bei vorsichtiger Schätzung der möglichen Nachkommenschaft eines Borkenkäferweibchens von 100.000 Tiere pro Jahr würde sich 2019 anhand dieser Zahlen und einem Geschlechterverhältnis von 50 Prozent weiblichen und 50 Prozent männlichen Tieren aus einem Baum eine potentielle Nachkommenschaft von rund 1,5 Milliarden Käfern ergeben.“ Dazu ergänzte Prof. Bitter: „Einem gefährdeter Baum durch die erste Generation von Schädlingen folgen 20 in der zweiten Generation, 400 in der dritten Generation und so weiter.“

Ob dieses Szenario eintreten wird, hängt vom kommenden Winter ab. „Etwa 20 bis 50 Prozent der Buchdrucker werden in diesem Jahr wahrscheinlich in der Rinde überwintern“, so Schönnenberg. „Was wir brauchen ist einen wie die Sauerländer sagen ,Schlackerwinter’ mit milden Temperaturen und viel Feuchtigkeit. Das führt zu einem Verpilzen der Schädlinge, während trockene Kälte sie nahezu unbeschadet überwintern lässt.“

Eines stellten die Forstexperten einstimmig klar. Die Fichte ist nicht das alleinige Übel. „Jeder Nadelbaum hat seine individuellen Schädlinge“, unterstrich Prof. Bitter. Revierleiter Schönnenberg hob hervor: „Es ist richtig, dass nicht überall die Fichte hingehört, aber genauso gibt es Stellen, die mit ihrer Bodenzusammensetzung und dem Standort optimal für die Fichte sind. Dazu kommt die derzeitige Klimaveränderung. Das ist zukünftig intensiv zu beachten. Das, was jetzt befallen ist, sind Bäume, die zum großen Teil in der Nachkriegszeit gepflanzt worden sind, wo man es nicht besser wusste und die Zeiten eben auch besondere Herausforderungen waren.“

Holzpreis fast halbiert

Der aus den Dürre und dem Käferbefall resultierende Preisverfall auf dem Holzmarkt macht zusätzlich in finanzieller Hinsicht besonders zu schaffen. Dazu Dr. Gerrit Bub, Leiter des Briloner Stadtforstbetriebes: „Der Holzpreis hat sich von einst rund 90 Euro pro Festmeter inzwischen fast halbiert. Das betrifft Brilon als Stadt des Waldes mit einer nicht unerheblichen Summe im geplanten Stadthaushalt. Die Sägewerke sind voll aber wir müssen alles befallene Holz schnellstmöglich aus dem Wald schaffen. Nasslager scheiden aus. Wir exportieren sogar schon in Containern Holz nach China.“

 

Erschienen im Sauerlandkurier vom 3.11.2018

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