Heimat in Europa

von Karl-Arnold Reinartz

Der junge Druckergeselle Albert Quinkert (1896 -1976), Sohn eines Esloher Handwerksmeisters, wurde 1916 als Garde-Grenadier einberufen und nahm bis zum Ende des Ersten Weltkriegs an diesem teil. Nur unterbrochen durch drei Verwundungen wurde er an der Front eingesetzt, die überwiegende Zeit in den Gräben der Westfront. Sobald es ihm möglich war, schrieb er seine täglichen Eindrücke nieder und fasste diese Aufzeichnungen unmittelbar nach dem Krieg zu einem Kriegstagebuch zusammen. Diese altdeutsche Handschrift habe ich transkribiert und 2018 gemeinsam mit Karsten Rudolph herausgegeben.* Wenn man sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, stößt man unweigerlich auf den Begriff Heimat.
Der einfache Soldat des Ersten Weltkriegs kämpfte für Kaiser und Vaterland und Heimat. Diese Begriffe sind jedoch nicht in Deckung zu bringen. Heimat ist das direkte soziale Umfeld, aus dem er kommt. Albert Quinkert schreibt einmal „ … Heimat und Vaterhaus fällt bei mir unter einen Begriff.“ Je länger der Krieg dauert und je schlechter die Lage wird, desto mehr tritt die Heimat gegenüber Kaiser und Vaterland in den Vordergrund. Mit der Heimat fühlt sich der Soldat emotional eng verbunden. Dafür nimmt er die Qualen und das alltägliche Grauen auf sich und ist noch bereit zu kämpfen.
Heimat hat also nichts mit Kaiser und Vaterland – und auch nichts mit Nationalismus – zu tun. Erst wenn ein Populist die emotionale Bindung an die Heimat ausnutzt, einen imaginären Feind schafft und das ganze in eine national-egoistische Richtung lenkt – dann wird es gefährlich.
Staatsvolk, Staatsgebiet, Verfassung – das sind für den normalen Staatsbürger abstrakte Begriffe zu denen er normalerweise keine emotionale Bindung hat. Wenn jedoch viele Bürger in dem Staat ihre Heimat sehen, dann besteht eine emotionale Bindung und der Staat ist gefestigt.
Am 24. August 1917 zitiert Albert Quinkert am Chemin de Dames – einem der blutigsten Orte des Ersten Weltkriegs – einen Kameraden: „Die Völker Europas werden sich zu den vereinigten Staaten von Europa zusammenschließen und dereinst kopfschüttelnd über den Wahnsinn des Krieges von heute nachdenken. Wir werden es nicht mehr erleben, denn auch für uns wird die Kugel gegossen sein. Aber aus unsern vermodernden Leibern wird der Same aufgehen, aus dem ein neues Geschlecht entstehen wird, ein neues Volk in Freiheit und Frieden.“
In diesem Jahr versuchen Populisten, den Heimatbegriff mit national-egoistischen Zielen zu verbinden und Europa als Feind darzustellen. Wir aber haben heute unsere Heimat in Europa.

*REINARTZ, Karl Arnold / RUDOLPH, Karsten (Hg.): Das Kriegstagebuch des Albert Quinkert (1914-1919). Münster: Aschendorff 2018.

« zurück